Religiöse Bindungen

Religiös bedingte Konflikte und geistlicher Missbrauch

Es ist wissenschaftlich unbestritten, dass Menschen neben den durchaus positiven Aspekten, die eine religiöse Grundorientierung bieten kann, unter dem Einfluss enger und hierarchisch straff geführter christlicher Gemeinden, religiös-fundamentalistischer Gemeinschaften oder Sekten psychisch schwer beeinträchtigt werden können.

Der Bereich des religiösen Hintergrundes, meist verbunden mit missbräuchlichen Dynamiken, kann einen so gravierenden Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung nehmen, dass der betroffene Mensch beim Wunsch, sich von solch bindenden Gemeinschaften zu lösen, nicht ohne psychologische Beratung oder Therapie den Weg in ein neu zu gestaltendes freies Leben findet. Dies gilt ganz besonders für den nicht seltenen Fall, dass Menschen bereits von Geburt an den Indoktrinationen solcher Gruppen ausgesetzt waren, aber auch für solche Menschen, die sich im späteren Alter für den Beitritt in eine spezielle Glaubensgemeinschaft oder Gruppierung entschieden haben. Leider werden die manipulierenden Mechanismen solcher gefährdender, abhängig machender Gemeinschaften von den Betroffenen erst sehr spät erkannt.

Die Lösung aus einer derart bindenden Sekte, religiösen Gemeinschaft oder eines Kultes ist für den betroffenen Menschen eine immense Kraftanstrengung und erfordert eine Menge Mut. Vielfach droht das gesamte seitherige soziale Umfeld zusammenzubrechen oder ist bereits zerbrochen. In ihrem Leben später beigetretene Jugendliche und Erwachsene haben oft ihren vormaligen Familien- und Freundeskreis verlassen, in den sie nun nicht wieder ohne weiteres integriert werden können. Oft spielen hier Scham und Schuldgefühle sowie massive Selbstzweifel auf der Seite des ehemaligen Mitglieds eine große Rolle. Entstandene Verletzungen auf beiden Seiten bedürfen der langsamen und behutsamen Klärung und Versöhnung. Durch Aufklärung über die jeweiligen in der Gruppe angewandten, manipulativen Methoden können Selbstzweifel ausgeräumt oder zumindest abgeschwächt werden. Zudem hinterlässt die vormals das Leben bestimmende religiöse Festlegung auf ein starres System eine große Lücke, ein „großes schwarzes Loch“, das nun vom Betroffenen mit neuen Inhalten gefüllt werden muss. Durch den Wegfall des strengen, früher Sinn und Halt gebenden äußeren Rahmes verliert der betroffene Mensch meist den Boden unter den Füßen. Im schlimmsten Fall bricht sein Selbst vollständig in sich zusammen. Der Aufbau einer stabilen Persönlichkeit mit neu gewachsenem Selbstwertgefühl und Vertrauen in die eigenen Kräfte ist daher dringend notwendig. Gründe, die vormals zum Beitritt in eine Sekte oder eines Kultes geführt haben, müssen erkannt und aufgearbeitet werden. Nur so kann verhindert werden, dass eine ähnlich geartete, und wiederum abhängig machende Lehre oder Ideologie in die entstandene Lücke tritt.

Die engen erlernten gruppenspezifischen Denk-, Glaubens- und Gefühlsmechanismen, die ja meist verbunden mit einer unangemessenen Autoritätsgläubigkeit waren und nicht selten sogar in Hörigkeit mündeten, können im Verlauf der therapeutischen Aufarbeitung erkannt und abgebaut werden. Im Rahmen einer verständnisvollen und nach Bedarf auch theologisch offen orientierten Gesprächsatmosphäre besteht die Möglichkeit, sich der erlittenen Enttäuschung und den möglicherweise tief eingeprägten Ängsten zu nähern. Die entstandenen Wunden, die Trauer um ein zum Teil bisher betrogenes Leben bereiten große Schmerzen und treffen im alltäglichen sozialen Umfeld oft auf nicht viel Verständnis. Das führt nicht selten zu einem Gefühl der Einsamkeit und inneren Isolation. Depressionen, Schlaflosigkeit, Grübeleien und Sucht sowie verschiedene körperliche Beschwerden können in Folge daraus entstehen. Gleichzeitig muss jedoch die angestaute Wut und das Gefühl der Machtlosigkeit Gehör finden und verarbeitet werden.

Um nicht in der schwer auszuhaltenden Opfersituation hängen zu bleiben bedarf es der Entdeckung und Erarbeitung alternativer Modelle. Durch sie kann der betroffene Mensch lernen, an die Fragen und Aufgaben seines Lebens anders als bisher heran zu gehen. Die alten, das freie Leben behindernden Denk- und Handlungsmuster können so mit der Zeit durch neue, funktionale ersetzt werden. Die vielfach vormals mit Macht verdrängten Wünsche für das eigene Leben können sich so freier entfalten und möglicherweise zu einem völlig neuen Lebensentwurf führen. Für andere Menschen gilt es, die überwertigen Ideen und realitätsfernen Illusionen abzubauen und den Lebensentwurf zu einem gesunden Realitätsbezug zurückzuführen.

Der Weg des Ausstiegs aus einer abhängig machenden Gruppe, Sekte, religiösen Gemeinschaft oder eines Kultes ist ein mühsamer, aber äußerst mutiger Weg, der viel Geduld erfordert. Psychologische Beratung und Therapie können helfen, Hürden zu überwinden und Rückschläge zu begleiten.

Zudem ist es möglich, die oben angesprochenen Themen im Rahmen von Systemischen Aufstellungen, ähnlich den bekannten Familien- bzw. Organisationsaufstellungen, zu bearbeiten. Sie können dazu beitragen, religionsspezifische Auswirkungen im Denken und Handeln von Betroffenen von familienspezifischen Gegebenheiten zu trennen und die oft sehr verwobenen gegenseitigen Bedingtheiten deutlich werden zu lassen. Ebenso können Systemische Aufstellungen die missbräuchlichen Dynamiken der jeweiligen Gruppe aufdecken helfen und so Verständnis für neue andere Lebens- und Handlungsweisen aufzeigen. In weiteren Schritten kann es zur Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit kommen, die dem betroffenen Menschen die Kraft gibt, endgültig in das eigene, freie Leben einzutreten.

Weitere Informationen erhalten Sie auf einer weiteren speziell zu diesem Thema gestalteten Website von mir.

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